Neurochirurgie - Schmerzschrittmacher befreit von Qualen
Jahrelang war Gerhard Ziehe aus Wendelstein das Zupacken gewohnt. Schwere Möbelstücke und komplette Inneneinrichtungen schleppte er solange, bis seine Bandscheibe nicht mehr mitmachte. Doch auch die dritte Bandscheibenoperation brachte kaum Linderung. Der heute 47-Jährige litt weiter unter chronischen Schmerzen, sein linkes Bein war zeitweise wie gelähmt. Er konnte kaum mehr laufen, selbst an Autofahren war nicht mehr zu denken. Das änderte sich erst, als ihm in der Neurochirurgie im Klinikum Süd als ersten neurochirurgischen Schmerzpatienten ein so genannter Neurostimulator, quasi ein Schmerzschrittmacher, eingepflanzt wurde. ?Die Schmerzen sind weg, ich fühle mich wie neu geboren?, ist er rundum zufrieden.
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Verantwortlich dafür ist eine Stimulation des Rückenmarks. Die ?Spinal Cord Stimulation? (SCS) ist eine in den USA weit verbreitete, in Deutschland aber noch immer seltene Methode. Dazu wird eine feine nur 1,3 Millimeter dicke Elektrode in örtlicher Betäubung auf die Rückenmarkshaut im Schmerzareal platziert. Die Elektrode ist mit einem Impulsgeber, einem Generator, verbunden und sendet elektrische Reize aus, die die Weiterleitung der Schmerzsignale an das Gehirn und damit die Schmerzwahrnehmung verändern. Statt der Schmerzen spüren die Patienten nur noch ein leichtes, angenehmes Kribbeln. ?Das ist so eine Art Ameisenlaufen?, sagt Ziehe. ?Die elektrische Stimulation greift direkt ins Schmerzgedächtnis ein?, erläutert Dr. Michael Schrey, der in der Neurochirurgie für die Schmerztherapie verantwortlich ist. Schrey kam im Februar von der Universitätsklinik in Heidelberg ins Klinikum. In Heidelberg war er an einer Studie über Schmerzschrittmacher beteiligt. ?Für viele Patienten, die an starken chronischen Schmerzen in Armen und Beinen nach Nervenschädigungen zum Beispiel nach Bandscheibenoperationen leiden, oder Patienten mit anderweitig nicht zu behandelnden chronischen Herzschmerzen (Angina pectoris), ist die Stimulation des Rückenmarks ein Akt der Befreiung?, weiß er aus Erfahrung. |
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In einem einstündigen Eingriff brachte er bei Gerhard Ziehe die Elektrode auf dem Rückenmark an. Danach testete er über einen externen Impulsgeber die Wirksamkeit der Stromreize. Als Ziehe seine starken Schmerzmedikamente vollständig absetzen konnte und mit Hilfe der Stimulation schmerzfrei war, setzte ihm Schrey unter Vollnarkose den aufladbaren Generator in einer Hautfalte im Bauchbereich ein.
Mit einer Art Fernbedienung kann Ziehe nun das Gerät ein- und ausschalten und je nach Bedarf die Stimulation verstärken oder verringern, so dass er nahezu frei von Schmerzen ist. ?Er ist nicht gesund, er wird keine Möbel mehr schleppen können, aber er hat ein großes Stück Lebensqualität gewonnen?, betont Schrey.
Zuvor war Ziehe jahrelang von verschiedenen Orthopäden zu diversen Schmerztherapeuten gelaufen ? keiner konnte ihm helfen. All die Tabletten und Infusionen brachten auf Dauer keinen Erfolg. Unmittelbar nach dem Einsetzen des rund 10.000 Euro teuren Schmerzschrittmachers ließen jedoch seine Schmerzen nach.
Nach verschiedenen Studien amortisiert sich solch ein Gerät schon nach zwei bis drei Jahren angesichts der teuren hochdosierten Medikamente, die ein Schmerzpatient dauerhaft benötigt. Deswegen zahlen auch die Krankenkassen das Gerät und den Eingriff.Autorin/Autor: Bernd Siegler

