Navigation überspringen|
Drucken
Klinikum Nürnberg, Krankenhaus der Maximalversorgung. >> Aktuelles >> KlinikumZeitung >> Jahrgang 2008 >> Ausgabe 3 >> Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen - ?Der Alkohol hat keine Antworten, man vergisst nur die Fragen?

Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen - ?Der Alkohol hat keine Antworten, man vergisst nur die Fragen?

?Saufen bis zum Umfallen?, ?Mit 13 Jahren der erste Vollrausch?, ?Trinken bis der Arzt kommt?. Die Meldungen sind erschreckend, die dazugehörigen Zahlen auch. Die Zahl der Jugendlichen, die in Deutschland mit Alkoholvergiftung in die Klinik gebracht wurden, hat sich seit 2000 auf 19.500 verdoppelt. Oberarzt Dr. Hans-Jürgen Heppner (44) leitet seit fünf Jahren die toxikologische Intensivstation im Klinikum Nord. Dort landen diejenigen, die solange Alkohol getrunken haben, dass sie schließlich meist bewusstlos und immer in einem sehr kritischem Zustand aufgefunden und ins Klinikum gebracht werden. 

Die Jugendlichen rauchen weniger, dafür trinken sie mehr, lautet der Alarmruf der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Die 12- bis 17-Jährigen konsumieren im Schnitt 50,4 Gramm reinen Alkohol pro Woche. In Freiburg landete jüngst ein 16-Jähriger mit 6,2 Promille auf der Intensivstation.

 

Oberarzt Dr. Hans-Jürgen Heppner:  Bei dieser Meldung bin ich absolut erschrocken. Ich hoffe, dass dieser Wert aus einem Atem-Alkomat stammt, und der Junge unmittelbar vorher etwas getrunken hatte. Wenn das ein im Labor festgestellter Blutwert ist, kann er dagegen richtig froh sein, dass er überlebt hat.

 

 

Dr. Heppner
 

Was ist eigentlich das Gefährliche für Jugendliche am Alkohol? Ist die Geschichte mit dem Ausschlafen des Rausches nicht erledigt?

 

Uns wird ja immer wieder vorgeworfen, wir in der Klinik wären nur die Ausnüchterer. Die Jugendlichen schlafen bei uns für teures Krankenhausgeld ihren Rausch aus. Dieser Eindruck entsteht, weil wir auf die Kinder und Jugendlichen aufpassen, und das müssen wir auch tun. Die größte Gefahr für den Betrunkenen ist doch, dass er keine Schutzreflexe mehr hat, weil der Alkohol direkt im Zentralnervensystem wirkt. Der Alkoholvergiftete stirbt nicht am oft beschriebenen ?Lebersturz?, sondern an der Aspiration. Er erbricht und, weil er nicht mehr husten kann, gelangt das Ganze in die Lunge und daran erstickt er. Was mir in dem Zusammenhang richtig Sorge bereitet, ist, dass die Betrunkenen von ihren Freunden oft in einem lebensbedrohlichen Zustand einfach liegengelassen werden.

Da wird dann auch die Auskühlung lebensgefährlich?

 

Alkohol wärmt nicht, im Gegenteil. Wenn man dann fünf oder acht Grad unter der normalen Körpertemperatur liegt, bekommt man große Kreislaufschwierigkeiten, die zum Tode führen können. Dazu kommen noch massive Stoffwechselprobleme. Die Leber erkennt Alkohol als Giftstoff und ist voll eingespannt, ihn abzubauen. Alles andere wie z.B. die Verstoffwechselung von Medikamenten oder die Entgiftung des Körpers von anderen Dingen wird gestoppt. Und was ganz entscheidend ist: Die Leber ist nicht mehr in der Lage, Blutzucker nachzubilden. Die starke Unterzuckerung kann zu Bewusstlosigkeit und auch zum Tod führen. 

 

In der toxikologischen Intensivstation haben Sie schon seit Jahren mit jugendlichen Alkoholleichen zu tun. Ist es richtig, dass deren Zahl in den letzten Jahren zu- und gleichzeitig das Alter abgenommen hat.

 

Das kann ich nur eingeschränkt sagen, denn die unter 14-Jährigen kommen in die Kinderklinik. Aber die Zahl der Jugendlichen unter 18 Jahren, die bei uns aufgenommen werden, nimmt zu. Den Hauptanteil der Alkoholvergifteten stellen jedoch die 18- bis 25-Jährigen. Eines muss aber klar sein: Wir reden hier nicht vom 17-Jährigen, der am Grillabend eine halbe Bier trinkt. Wir reden vom Trinken bis zum Kontrollverlust, also bis zur Bewusstlosigkeit. Diejenigen, die bei uns landen, sind aber nur die Spitze des Eisbergs. So im Jahresschnitt werden im Klinikum ungefähr 200 jugendliche Alkohol-Opfer behandelt, und das sind beileibe nicht nur Jungen.

 

Die Mädchen holen auf?

 

Alkoholmissbrauch ist längst keine reine Jungendomäne mehr. Über die Entwicklung bei den Mädchen sind wir sehr unglücklich. Wurden früher betrunkene Mädchen eingeliefert, dann war es häufig so, dass sie Beziehungskonflikte oder Schwierigkeiten zu Hause oder im Beruf hatten. Tabletten- oder Alkoholmissbrauch war dann der klassische appellative Suizidversuch, der Hilferuf, weil jemand mit seinen Problemen nicht mehr zurecht kommt. Jetzt können wir es nicht mehr auseinanderhalten, ob die Mädchen trinken, weil sie Probleme haben oder weil sie im Gruppenzwang einfach mithalten wollen. Ich habe Angst, dass uns da einige tatsächliche Krisenpatientinnen durch die Lappen gehen.

 

Ist das Trinken aus der Flasche, aus Eimern oder mit Hilfe von Trichtern ein neues Phänomen?

 

Ja, viele Jugendlichen füllen sich bewusst mit Alkohol ab. Es gibt das so genannte ?Binge Drinking?, also das Trinken mit dem festen Vorsatz, möglichst schnell besoffen zu werden. Die meisten trinken zu Hause, auf Spielplätzen oder in Parkanlagen. Sie kaufen sich den Stoff vorher im Discounter oder in Tankstellen, manchmal auch über einen Mittelsmann oder einen stadtbekannten Alkoholiker. Der wird dann vorgeschickt, eine Flasche Wodka zu kaufen, und darf dafür dann zweimal trinken.

 

Führen Sie immer Gespräche mit den Jugendlichen und fragen nach dem Warum?

 

Ja, solche Gespräche führen wir, wenn die Jugendlichen schon fast wieder nüchtern, aber gerade noch ein bisschen redselig sind. Also nach sechs bis zwölf Stunden Schlaf, wenn sie noch Restalkohol im Blut haben. Dann erzählen sie viel, aber wenn sie richtig wach sind, blocken sie meistens ab. Der verschwindende Teil macht dabei auf cool und sagt, das Saufen gehöre eben zur Entwicklung, das gehe uns gar nichts an. Nur ganz wenige betrinken sich, weil sie es toll finden. Den meisten ist der Rausch richtig unangenehm. Sie können sich nicht erklären, warum sie die Kontrolle verloren haben. Da kommen immer viele Faktoren dazu: Sie werden von Freunden zum Trinken animiert und wollen nicht als Feigling gelten, die Erwachsenen machen es ihnen vor, im Sportverein gibt es nach einem guten Jugendspiel einen Kasten Bier, und die Etablissements schenken freizügig Alkohol an Minderjährige aus trotz aller gesetzlichen Vorschriften.

 

Sie haben zwei Kinder. Was würden Sie als Vater machen, wenn Ihr Kind sturzbetrunken nach Hause käme?

 

Das ist eine schwierige Frage. Es wird wahrscheinlich allen Eltern einmal passieren, dass ihr Kind mindestens angetrunken nach Hause kommt. Geschieht dies einmal, ist es nicht verwerflich. Es beginnt aber kritisch zu werden bei der halben Flasche Wodka, beim sinnlosen Besaufen aus Langeweile oder beim Versuch, Probleme damit zu überspielen. Eines ist jedoch klar: Der Alkohol hat keine Antworten, man vergisst nur die Fragen. Wenn man aber kein Wochenende, kein Grill- oder Klassenfest vergehen lassen kann, ohne dass man mit einem Rausch heimkommt, dann wird es sehr kritisch.

Dann sollten die Eltern eine Beratungsstelle aufsuchen und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Denn weder die überschießende Strenge des Vaters, noch die Fürsorge der Mutter lösen das Problem. Es gibt immer eine Ursache für den Alkoholmissbrauch, entweder ist es ein laxer Umgang mit Alkohol zu Hause, oder es gibt ein Problemfeld wie z.B. Leistungsdruck in der Schule, sexueller Missbrauch oder auch Gewalt zu Hause. Da braucht es professionelle Unterstützung und die bieten wir jetzt zusammen mit dem Jugendamt, der Arbeiterwohlfahrt und Caritas mit dem Projekt ?HaLT ? Hart am Limit? an.

 

Was heißt das konkret?

 

Das Projekt startet im Herbst hier bei uns auf Station. Es ist für alle Jugendlichen zwischen 14 und18 Jahre gedacht, die bei uns eingeliefert werden. ?HaLT? bedeutet Halt sagen und gleichzeitig Halt geben. Zuerst müssen wir den Betroffenen klar machen, dass sie eine Grenze überschritten haben und dabei viel passieren kann. Die Beratungsstelle nimmt dazu Kontakt mit den Betroffenen auf und bietet ihre Hilfe in Form eines kompakten Angebots an. Dazu gehört ein so genannter ?Risiko-Check?. Zusammen mit einem Psychotherapeuten und einem geschulten Mitarbeiter sitzt eine kleine Gruppe von Jugendlichen an einem Wochenende zusammen. Sie diskutieren z.B. mit ehemals Alkoholabhängigen, sie versuchen sich mit einer 3-Promille-Brille zu bewegen, sie machen Grenzerfahrungen beim Tauchen oder im Hochseilgarten, um Gruppendynamik anders zu erleben und das Selbstbewusstsein zu stärken. Sie sollen so stark werden, selbst einmal Halt sagen zu können.

 

Sogar die Bundeskanzlerin erklärte vor kurzem, man müsse dringend etwas gegen den Alkoholkonsum Jugendlicher machen. Was müsste passieren?

 

Ich vermisse da in erster Linie Streetworker. Die müssten die Plätze aufsuchen, an denen Jugendliche zusammensitzen und trinken. Sie müssen in der Lage sein, auf die Jugendlichen zuzugehen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie müssen z.B. den Gruppenzwang thematisieren oder herausfinden, warum sich die Kids betrinken. Was bei Junkies seit Jahren gut funktioniert, kann bei saufenden Jugendlichen auch klappen.

 

Was sollte der Gesetzgeber tun? Ein Werbeverbot für Alkohol etwa?

 

Staat und Gesellschaft müssen sich endlich überlegen, was sie eigentlich wollen. Wollen sie Arbeitsplätze in der Getränkeindustrie erhalten und möglichst viel Branntweinsteuern einnehmen oder wollen sie gegen den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen vorgehen. Noch einmal: Die halbe Bier zum Schweinebraten am Sonntag Mittag ist nicht das Problem, auch das Glas Sekt zum Geburtstag nicht, aber man muss einfach den Alkohol von Jugendlichen fernhalten. Zigaretten und Silvesterkracher bekomme ich erst ab 18 und muss mich ausweisen. Spricht irgendetwas dagegen, es beim Alkohol genauso handzuhaben? Es darf keinen quasi barrierefreien Zugang für Alkohol geben.

Ich bin der Meinung, wir brauchen auch keine neuen Gesetze. Wir haben genügend Verbote, die müssten nur konsequent umgesetzt werden. Der an der Tankstelle muss einfach wissen, dass er eine hohe Geldstrafe und vielleicht auch den Verlust seiner Konzession riskiert, wenn er Wodka an Minderjährige verkauft. Vielleicht wäre aber ein Werbeverbot hilfreich. Dass ein Günther Jauch für Bier Reklame macht und vorgibt, mit dem Konsum von Bier einer bestimmten Marke tue man etwas Gutes für den Regenwald, ist doch skandalös. Solch eine Werbung muss eigentlich im Sinne des Jugendschutzes verboten werden.

 

Mit den so genannten Alcopops zielten die Getränkehersteller direkt auf Jugendliche ab.

 

Ja, das war ein gezielter Anschlag der Industrie auf Jugendliche. Mit Zucker den bitteren Geschmack überdecken, das ist Alkohol maßgeschneidert für Kinder und Jugendliche. Gott sei Dank hat man da reagiert und die Preise erhöht. Jetzt sind die Alcopops vielen Jugendlichen zu teurer geworden, aber der harte Schnaps ist immer noch billig genug.

 

Ist eine Gesellschaft ohne Rauschmittel überhaupt denkbar?

 

Nein, jede Gesellschaft braucht anscheinend ihre Rauschmittel. Was aber als illegales Rauschmittel zählt, entscheidet der Gesetzgeber. Marihuana ist zum Beispiel verboten, weil beim Genuss laut Gesetz der Rausch im Vordergrund steht. Bei Alkohol wird dies nicht so gesehen, in Bayern ist das Bier ja so etwas wie ein Grundnahrungsmittel. Der Rausch steht angeblich nicht im Vordergrund, also ist es eine legale Droge. Aber wenn einer eine Flasche Wodka kauft und sich damit abfüllt, dann geht es doch um nichts anderes als den Rausch. Komasaufen ist meines Erachtens kein Genuss, da steht der Rausch im Vordergrund und damit wäre dies genauso illegal wie jede andere illegale Droge.

Autorin/Autor: Bernd Siegler

 
Es öffnet sich eine Seite auf klinikum-nuernberg.de mit Notfallinformationen