Krankenhausfinanzierung - Lücken und Ungerechtigkeiten
Es ist der 28. Mai, kurz vor Mitternacht. Regennasse Fahrbahn, zwei Autos stoßen frontal zusammen. Eines der Unfallopfer, ein 45-jähriger Mann aus der Nähe von Forchheim, wird noch am Unfallort vom Notarzt intubiert und beatmet und in die Notaufnahme ins Klinikum Nürnberg Süd eingeliefert. Er hat schwere innere Verletzungen, so sind zum Beispiel Leber und Milz gerissen, es liegen offene Trümmerbrüche und Bänderrisse an den Beinen vor, mehrere Rippen sind ebenfalls gebrochen.
|
In einer zweieinhalbstündigen Notoperation werden die verletzten inneren Organe genäht und geklebt. In einer zweiten neun Stunden dauernden Operation werden die offenen Brüche operiert. Erst am 6. Juli, also mehr als fünf Wochen nach dem Unfall, kann der 45-Jährige von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt werden. Nach insgesamt 15 aufwändigen Operationen und überstandenen Komplikationen wie einem Nierenversagen und einer schweren Lungenentzündung kann er am 28. August, also genau drei Monate nach dem Zusammenstoß, das Klinikum Süd verlassen und eine Rehabilitation beginnen. Ein schwerer Fall, für den das Klinikum Nürnberg mit seiner hoch modernen medizinischen Ausstattung und mit seinen 36 Kliniken und Instituten gut gerüstet ist. Doch Hochleistungsmedizin und auch die Vorhaltekosten für eine Notfallversorgung rund um die Uhr haben ihren Preis. Die Kosten für die aufwändige Behandlung des 45-jährigen Unfallopfers summierten sich auf knapp 195.000 Euro. Von den Krankenkassen erhielt das Klinikum Nürnberg für diesen Fall aber nur 106.000 Euro erstattet und blieb damit auf Kosten in Höhe von 89.000 Euro sitzen. |
|
Den Grund weiß Klinikum-Vorstand Dr. Alfred Estelmann zu seinem Leidwesen sehr genau: ?Solche schweren Fälle mit ihren Komplikationen sind in den Fallpauschalen, über die die Krankenhäuser finanziert werden, nicht abzubilden. Wir müssen uns auf eine Hauptdiagnose festlegen, viele Begleiterkrankungen und Komplikationen bleiben außen vor.? Er könnte für das Jahr 2006 ? die Zahlen für 2007 liegen noch nicht vor ? von den 85.000 stationär behandelten Patienten allein 570 Fälle aufzählen, bei denen das Klinikum jeweils mindestens 10.000 Euro mehr aufgewendet hat, als es von den Krankenkassen erhalten hat. Insgesamt summierten sich die Verluste bei solch komplexen und teuren Behandlungen auf 10,4 Millionen Euro.
?Wir behandeln solche schweren Fälle gerne, schließlich beinhaltet das unser Auftrag aus der kommunalen Daseinsvorsorge, aber wir können dies auf Dauer nur leisten, wenn wir dafür adäquat vergütet werden?, mahnt Estelmann. Doch nicht nur die unzureichende Kostenerstattung bei extrem schweren Fällen liegt dem Klinikum-Vorstand im Magen. Auch die Finanzierung der stationären Notfallversorgung kann er nicht nachvollziehen: ?Für die Vergütung ist es unerheblich, ob nachts ein Arzt oder ob 30 Ärzte aus unterschiedlichen Fachgebieten und Schwerpunkten im Haus anwesend sind, das kann doch nicht sein.? Weder die interdisziplinären Leistungen, die vor allem Krankenhäuser der höchsten Versorgungsstufe z.B. in Brust-, Darm- oder Kontinenzzentren erbringen, noch die aufwändige Weiterbildung von Ärzten bekommen die Kliniken vergütet. Allein 390 Ärzte des Klinikums befinden sich derzeit in Weiterbildung.
Was Estelmann zusätzlich Sorgen bereitet, ist, dass parallel zu dieser ungenügenden Kostenerstattung das Budget des Klinikums seit der Einführung der Fallpauschalen um 12,2 Millionen Euro gekürzt wurde. 2008 wird noch einmal um 6,8 und 2009 um voraussichtlich weitere 8,2 Millionen Euro gekürzt. ?Aufsummiert sind das 27 Millionen Euro, die uns fehlen werden, bei gleichzeitig ständig steigenden Kosten für Personal, Energie, Medizingeräte und Medikamente?, erläutert der Vorstand.
Dieses Budget wird zudem bei den Verhandlungen mit den Kassen immer auf eine vorab festgelegte Patientenzahl bezogen. Die Anzahl der tatsächlich im Klinikum stationär und ambulant behandelten Patienten liegt aber meist erheblich darüber. Dadurch entstehen Erlöse, von denen das Klinikum jedoch nur 35 Prozent behalten darf. ?Wir leisten mehr, als wir geplant haben, und müssen dann?, so Estelmann, ?65 Prozent der Erlöse an die Krankenkassen zurückzahlen.?
2007 schloss das Klinikum Nürnberg daher mit einem Verlust von 12,8 Millionen ab, und 2008 wird sich die finanzielle Lage vor allem aufgrund der Tarifeinigung noch verschärfen. Zusammen mit den Vorständen anderer kommunaler großer Krankenhäuser appelliert Estelmann daher an die Politik, sich für eine ?rasche und nachhaltige Verbesserung der Finanzierung insbesondere der Krankenhäuser der höchsten Versorgungsstufe einzusetzen?. Denn nur diese und einige Spezialkliniken sind in der Lage, Patienten wie das 45-jährige Unfallopfer auch qualifiziert zu behandeln.
Autorin/Autor: Bernd Siegler

