Sterbehilfe contra Palliativmedizin? - ?Wir sprechen sehr offen über mögliche Therapiebegrenzungen?
Tod auf dem Parkplatz. Nach dem Freitod von zwei Deutschen auf einem Parkplatz in der Schweiz ist in Deutschland der Streit um aktive und passive Sterbehilfe wieder voll entbrannt. Nun plant die umstrittene Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas eine weitere Zuspitzung. Sie will juristisch einen Präzedenzfall für Deutschland schaffen. Ludwig Minelli, der Gründer von Dignitas behauptet, seine Organisation habe ?jemanden gefunden, der Sterbebegleitung machen und das Risiko der Strafverfolgung auf sich nehmen will?. Es handle sich bei Suizid ?um ein Menschenrecht?, meint Minelli. Für die Sterbebegleitung verlangt die Schweizer Organisation 3.000 Franken (1.800 Euro), weitere 1.500 Franken (900 Euro) kostet die Abwicklung der Formalitäten nach dem Tod.
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Dr. Gerda Hofmann-Wackersreuther, Onkologin und Leitende Oberärztin der Palliativmedizin im Klinikum, meint dagegen, dass ?unheilbar Kranke auch in Deutschland ausreichend Hilfe finden?.
Immer wieder fahren unheilbare Kranke in die Schweiz, um dort Sterbehilfe zu erhalten. Warum suchen diese Menschen bei Organisationen wie Dignitas Hilfe? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat es damit zu tun, dass in unserer Gesellschaft für Krankheit, Leiden und Tod kein Platz mehr ist. Stattdessen dreht sich in den Medien alles um ein möglichst langes Leben ohne Krankheit, um faltenlose Schönheit bis zum Schluss. Uns wird suggeriert, dass wir all dies mit Anti-Aging-Mitteln und den Möglichkeiten moderner Medizin erreichen könnten. Das Lebensende wird ausgeklammert. Wenn es dann so weit ist, finden wir keinen Umgang damit. Unabhängig davon gibt es Menschen, die es sich einfach nicht vorstellen können, krank und von Hilfe abhängig zu sein. Stattdessen suchen sie Hilfe bei Organisationen wie Dignitas, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ich kann mir vorstellen, dass diese Menschen von Anfang an einfach ausklammern, dass man ihnen vielleicht helfen könnte. |
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Setzt man sich durch die Hospizbewegung in Deutschland wieder stärker mit Krankheit, Leid und Tod auseinander?
Ja, diese Themen sind durch die Hospizbewegung, wieder mehr ins öffentliche Interesse gerückt. Ich bin mir sicher, dass wir damit das Denken über Krankheit und Sterben beeinflussen und verändern werden. Doch ist die Zeit dafür einfach noch zu kurz. Das ist eine Entwicklung, die in Deutschland gerade erst begonnen hat. So ist in Deutschland eine palliativmedizinische Basisversorgung trotz gesetzlicher Regelungen noch immer nicht für alle Menschen gewährleistet. Es gibt zu wenig stationäre Einrichtungen wie Hospize und Palliativstationen in Krankenhäusern, vor allem aber gibt es zu wenig palliativmedizinische Versorgungsangebote im ambulanten Bereich.
Dabei ist es für unheilbar Kranke und ihre Angehörigen ganz besonders wichtig, dass frühzeitig palliativmedizinische Angebote in die Behandlung mit eingebracht werden. Doch noch immer erfahren viele zu spät oder gar nicht davon. Wichtig ist auch, dass im Gespräch mit dem Arzt ausreichend Zeit und Raum dafür bleibt, über Ängste und Befürchtungen zu sprechen. Die Patienten haben oft sehr feste Vorstellungen davon, was an Leid auf sie zukommt, ohne dass sie wissen, was Palliativmedizin alles für sie tun kann.
Was kann Palliativmedizin für unheilbar Kranke leisten?
Palliativmedizin kann Schmerzen und Symptome weitgehend lindern. Doch es geht nicht nur um Medizin, sondern auch um einen menschlichen Umgang mit Krankheit und Tod. Palliativmedizin will den Menschen das Gefühl geben, dass sie trotz ihrer Erkrankung von anderen Menschen angenommen sind. Wenn unheilbar und schwer kranke Menschen Zuwendung und Herzlichkeit im Umgang miteinander erleben, wenn sie spüren, dass ihnen jemand auf der menschlichen Ebene ganz normal begegnet, dann fühlen sie sich auch nicht ausgegrenzt. Dann wollen sie auch nicht früher aus dem Leben treten.
Aber gibt es nicht auch Menschen, denen ihre persönliche Autonomie so wichtig ist, dass sie keine Hilfe annehmen können und wollen. Haben sie das Recht auf den Freitod?
Wenn man Selbstbestimmung ernst nimmt, dann haben sie das Recht auf Suizid. Es wird immer einige wenige Menschen geben, für die Selbstbestimmung und damit letztlich der Suizid die einzig mögliche Form ist, mit einer bestimmten Krankheitssituation umzugehen. Man kann versuchen, diese Menschen zu überzeugen, dass es auch anders geht. Der Wunsch zu sterben ist ja oft ein Hilferuf, wenn man selbst keinen Ausweg mehr sieht. Dieser Wunsch ändert sich schnell, wenn die Menschen die nötige Hilfe bekommen und diese auch annehmen können. Wir dürfen dabei auch nicht vergessen, welche dramatischen Auswirkungen ein Suizid für das familiäre Umfeld haben kann. Die Angehörigen müssen ja mit der Situation weiterleben können, und oft sehen sie ein persönliches Versagen darin, dass ein nahe stehender Angehöriger sich nicht genug geliebt oder angenommen gefühlt hat.
Begegnen Sie auf der Palliativstation Menschen, die sich lieber töten wollen?
Ja, in den letzten fünf Jahren haben etwa acht unserer Patienten den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe geäußert. Aber hinter dem Wunsch stand eigentlich ein Betreuungsproblem, das für die Patienten nicht lösbar war. Wenn es dann gelang, eine Versorgungsstruktur zu finden, die den Bedürfnissen des Patienten gerecht wurde, dann wurde der Sterbewunsch auch nicht mehr geäußert.
Ich kann aber nicht ausschließen, dass es Menschen gibt, die sich nicht an uns wenden, weil sie sich klar für den Suizid entschieden haben. Manchmal mag der Leidensdruck für einen Menschen auch so groß sein, dass er es sich wirklich nicht anders vorstellen kann. Auch wenn ich das nicht nachvollziehen kann. Es sind eben sehr subjektive Wahrnehmungen.
In Spanien, wo passive und aktive Sterbehilfe verboten ist, hat sich Inmaculada Echevarría, die an Muskelschwund litt, Anfang 2007 das Recht auf ihren Tod vor Gericht erkämpft. Erst dann durfte das Beatmungsgerät abgeschaltet werden. In Italien erregte ein ähnlicher Fall Aufsehen. Wie ist das in Deutschland?
Wir hatten schon einige Patienten mit Muskelschwund. Da sie bis zum Schluss geistig klar sind, können sie jede therapeutische Maßnahme ? egal ob PEG-Sonde oder Heimbeatmung ? jederzeit ablehnen. In Deutschland entscheidet der Patient, welche therapeutischen Maßnahmen er will, da ist die Rechtslage eindeutig. Allerdings sind wir Ärzte im Notfall zur Wiederbelebung verpflichtet. Deshalb muss mit dem Patienten vorab geklärt werden, ob er Wiederbelebungsmaßnahmen möchte oder nicht.
Sprechen Sie denn mit den Patienten über mögliche Therapiebegrenzungen?
Ja, auf der Palliativstation sprechen wir sehr offen mit unseren Patienten über mögliche Therapiebegrenzungen, d.h. jeder Patient entscheidet selbst darüber, welche lebenserhaltenden und lebensverlängernden therapeutischen Maßnahmen er in Anspruch nehmen will. Er kann auf die Fortsetzung der Chemo- oder Strahlentherapie ebenso verzichten wie auf eine Gabe von Antibiotika bei Infekten oder auf Bluttransfusionen. Er kann Wiederbelebung und Beatmung ablehnen, ebenso die Einnahme lebenswichtiger Herzmedikamente oder von Medikamenten für die Blutgerinnungshemmung. Er kann auch auf Ernährung und Flüssigkeitsgabe verzichten.
Wir sprechen jede therapeutische Maßnahme sehr genau mit unseren Patienten ab. Allerdings begegnen wir auch vereinzelt Patienten, die therapeutische Maßnahmen bereits in einem frühen Krankheitsstadium ablehnen. Da prüfen wir dann, ob nicht eine Depression vorliegt.
Würden Sie als Ärztin aktive Sterbehilfe leisten wollen.
Nein, ich persönlich möchte dies nicht tun.Autorin/Autor: Doris Strahler
