Neurochirurgie - Wenn sich das Hirnwasser staut
Wenn ältere Menschen Gleichgewichtsstörungen oder Probleme beim Gehen haben, lautet die Diagnose allzu voreilig: Alzheimer. Kommen Blasenschwäche, Vergesslichkeit oder Störungen in der Aufmerksamkeit hinzu, verstärkt sich die medizinische Einschätzung von einer unaufhaltsam fortschreitenden Form der Demenzerkrankung. Doch der Schein trügt: ?Eine ganz andere Erkrankung, der so genannte Altershirndruck, kann die Ursache für die gesundheitlichen Probleme sein?, erläutert Prof. Hans-Herbert Steiner, Chefarzt der Neurochirurgie im Klinikum Süd.
Oft werden die Patienten nicht ausreichend untersucht, der Altershirndruck bleibt unerkannt - und die Betroffenen werden mit der falsch gestellten Diagnose Alzheimer meist zu Pflegefällen. Experten wie Chefarzt Steiner schätzen, dass etwa 60.000 Menschen der insgesamt rund zwei Millionen Demenzpatienten in Deutschland eigentlich am Altershirndruck leiden.
Die Ursachen für die Erkrankung sind noch nicht ausreichend erforscht, was im Körper passiert, weiß man allerdings genau: ?Es sammelt sich im Gehirn zu viel Hirnwasser in den Hirnkammern an?, erklärt Privatdozent Dr. Andreas Bickel, Oberarzt in der Neurologischen Klinik im Klinikum Süd. Dieses Hirnwasser drücke auf das umliegende Hirngewebe und sorge damit für die Ausfallerscheinungen. Da die Symptome der beiden Krankheiten so ähnlich sind, ist für die Diagnose eine Kernspin- oder Computertomographie nötig, die die Veränderungen im Gehirn dokumentieren. Endgültige Sicherheit bringt die Entnahme von Nervenwasser aus dem Lendenwirbelbereich.
Frühzeitig entdeckt, kann ein schonendes Operationsverfahren rasch helfen: die so genannte Shunt-Therapie, wobei Shunt soviel bedeutet wie Umleitung oder Nebenleitung. ?Das Verfahren hat sich bei uns etabliert.?, betont Dr. Gholamreza Ranaie, Oberarzt der Neurochirurgie im Klinikum Süd, ?Wir implantieren dabei einen kleinen Katheter in die Gehirnkammern. Von außen unsichtbar kann dann die überschüssige Flüssigkeit über einen dünnen Schlauch in die Bauchhöhle umgeleitet werden.?
Durch das Shunt-Ventil lässt sich der Hirnwasserdruck senken und die Ausweitung der Gehirnkammern geht zurück. Abhängig von der gesundheitlichen Entwicklung des Patienten kann dank eines programmierbaren Ventils die Menge der umgeleiteten Flüssigkeit ohne zusätzlichen Eingriff jederzeit von außen fein justiert und in Sekundenschnelle verändert werden.
Da auch Komplikationen wie etwa Infektionen nach einer Operation selten sind, können die kooperierenden Kliniken der Neurologie und Neurochirurgie vielen Betroffenen mit der Shunt-Therapie berechtigte Hoffnungen machen. ?Wir haben bereits vielen Patienten ein programmierbares Ventil eingesetzt?, betont Ranaie. Zwei Drittel der behandelten Patienten hätten eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität erfahren, viele von ihnen sich sogar völlig erholt.Autorin/Autor: Axel Bredehöft
