Buchtipp - Vernarbte Herzen
?Was konnte das sein? Ein fahrbarer Sarg oder eine Tragbahre? Ein Mann lag auf einem Bett, einem schmalen Holzbett, eine Art Rahmen mit Matratze, der auf einem Gestell mit vier gummibereiften Rädern ruhte. Allerdings war der Mann von Kopf bis Fuß normal gekleidet. Er trug eine Krawatte, hatte eine Baskenmütze auf und einen Anzug an und rührte sich trotzdem nicht, stand nicht auf, um herumzugehen wie alle anderen. Im Liegen kaufte er eine Zeitung, zahlte, schlug sie auf und begann, den Kopf auf Kissen gestützt, zu lesen, während hinter ihm ein Mann das Gefährt durch die Straßen der Stadt zu schieben begann...?
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Wenig später liegt der 21-jährige Emanuel, ein rumänischer Chemiestudent in Paris, in einem französischen Sanatorium am Atlantik in solch einem ?fahrbaren Sarg? und taucht ein in eine Gesellschaft der Kranken. Er hat Knochentuberkulose, sein ganzer Körper liegt in Gips, sein Geist ist wach und er spürt daher ganz genau, wie sein Herz nach und nach vernarbt. M. Blecher, der eigentlich Max L. Blecher heißt, wusste, wovon er schrieb. Der rumänische Jude wurde 1909 geboren und erkrankte mit 19 Jahren, unmittelbar nachdem er nach Paris umgesiedelt war, um Medizin zu studieren, an Knochentuberkulose der Wirbelsäule. Sein weiteres Leben verbrachte er bis zu seinem Tod 1938 mit 29 Jahren weitgehend isoliert und mit starken körperlichen Schmerzen in Krankenhäusern und Sanatorien. In seinem zweiten Roman ?Vernarbte Herzen?, den er 1937 ein Jahr vor seinem Tod verfasste, beschreibt Blecher das langsame Verlöschen des Lebens, immer wieder unterbrochen von verzweifelten Ausbruchsversuchen, in einer klaren, distanzierten Sprache, als ob es nicht um sein eigenes Schicksal ginge. In ihrer Rezension sprach die Wochenzeitung Die Zeit von einem ?grandiosen Roman, einem Schmerzensbuch, das lakonisch ist und unsentimental bis zur Ehrlichkeit?.
M. Blecher: Vernarbte Herzen, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 2006, 221 Seiten, 14,80 Euro |
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Autorin/Autor: Bernd Siegler
