Kinder- und Jugendpsychiatrie - Zwischen Model und Macho
Brian schlägt Nathalie mit voller Wucht seinen Schulranzen in den Rücken, Thomas hat Martina im Hort schon wieder verprügelt ? wenn Kinder schnell zur Gewalt neigen, ist die Betroffenheit bei Eltern und Pädagogen häufig groß. Doch welches Verhalten ist typisch für die Geschlechter? ?Sind Jungen aggressiv und Mädchen lieb?? ? mit dieser Frage beschäftigte sich ein Workshop bei der Tagung ?Gewalt und Straffälligkeit im Kindes- und Jugendalter?, die von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums im Dezember in Nürnberg veranstaltet wurde.
Psychologin Dr. Hanna Permien, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut in München arbeitet, untersuchte in einer Studie das Verhalten von sechs- bis zehnjährigen Kindern im Hort. ?Kinder finden sich sehr früh in das typische Rollenverhalten ein, und beide Seiten haben nicht gelernt, Konflikte gewaltfrei zu lösen?, lautet ihr Fazit. Zudem seien Erzieherinnen oder Lehrkräfte in der Streitschlichtung häufig überfordert.
Während Jungen vielfach ihre Aggressionen nach außen tragen und dazu neigen, das andere Geschlecht stark abzuwerten, würden Mädchen eher weinen und den Schutz bei älteren Bezugspersonen wie etwa Erzieherinnen suchen.
Dass solch typisches Verhalten von Jungen und Mädchen seine Ursache vor allem in den biologischen Voraussetzungen hat, bezweifelte die Psychologin. ?Solche Verhaltensmuster sind noch allzu häufig gesellschaftlich verankert, werden von den Erwachsenen vorgelebt und in den Medien zementiert.?
Als Beleg dafür führte Permien ein einfaches Experiment an: Ein männliches Baby in einem Kinderwagen wurde Passanten gegenüber als Mädchen ausgegeben, ein weibliches als Junge. Die Kommentare der vorbeigehenden Passanten waren eindeutig: ?Ach, die ist ja so zierlich?, bekam der Junge zu hören, ?Der strampelt ja ganz schön kräftig? dagegen das Mädchen. ?Die Polarisierung der Geschlechter findet von Anfang an statt?, betonte Permien. Und sie setze sich in der Erziehung fort, selbst wenn manche Bezugspersonen die alten Rollenklischees gar nicht wollten: ?Jungen müssen stark und überlegen sein, Mädchen attraktiv.?
Hinsichtlich der Jungen sieht die Psychologin insbesondere das Problem, dass ?ihnen männliche Vorbilder zum Anfassen? fehlten, die nicht immer nur Stärke demonstrieren müssten. Mehr männliche Erzieher oder Grundschullehrer könnten hier, so Permien, eine Veränderung erreichen. Dennoch wolle sie keine geschlechtslose Erziehung: ?Es ist vielmehr wichtig, jedes einzelne Kind individuell zu betrachten, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Das Wissen darum, Konflikte anders zu lösen als nur mit Gewalt, sollte so früh wie möglich beginnen.?
Der Workshop über die frühe Prägung von Jungen und Mädchen war ein Programmpunkt des zweitägigen Symposions im Haus Eckstein in Nürnberg. Ziel der Veranstaltung war es, Gewalt und Straffälligkeit bei Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
Gekommen sind über 160 Teilnehmer aus verschiedenen Berufsgruppen, die im täglichen Kontakt mit jungen Menschen stehen wie etwa im Kindergarten, Hort und Jugendamt, aber auch in stationären wie ambulanten Einrichtungen. Für die Organisation verantwortlich waren Pflegedienstleiter Manfred Rose und Oberarzt Dr. Viktor Herlitz von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Klinikum.
Autorin/Autor: Axel Bredehöft
