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Frühchen - Geboren am richtigen Ort

Sie wiegen manchmal nur 400 Gramm, die Hände sind allenfalls so groß wie der Daumennagel eines Erwachsenen - winzige Geschöpfe, die viel zu früh das Licht der Welt erblickt haben. Doch dank der modernen Medizin haben heute selbst extreme Frühchen, die in der 24. Schwangerschaftswoche geboren werden, gute Überlebens- und Entwicklungschancen. Die Gleichung ?zu früh geboren = tot oder behindert? gilt schon lange nicht mehr.

Doch auf eines sind Frühchen existenziell angewiesen: Von Anfang an müssen sie von erfahrenen Ärzten und Pflegekräften betreut werden, und zwar rund um die Uhr.  ?Es reicht nicht aus, wenn nachts nur ein junger Assistenzarzt da ist. Das Risiko ist dann einfach zu hoch?, meint Dr. Friedrich Reinhart-van Gülpen.

Seit Juni 2006 arbeitet er als Oberarzt und Neonatologe (Früh- und Neugeborenenmediziner) im Zentrum für Neugeborene, Kinder, Jugendliche im Klinikum Süd. Hier, im zusammen mit der Geburtshilfe geführten Perinatalzentrum der höchsten Leistungsstufe (Level 1), kamen im letzten Jahr fast 60 Frühchen zur Welt. Ihr Sprung ins Leben wurde von hochspezialisierten Geburtshelfern, Kinderärzten und Pflegekräften begleitet. Genau der richtige Ort also für Frühchen, ihr Leben zu beginnen.

Sicherheit: In Perinatalzentren der höchsten Leistungsstufe
 

?Die Anforderungen an ein Perinatalzentrum Level 1 sind sehr hoch?, erklärt Reinhart-van Gülpen. Zum einen müssen Kreißsaal und neonatologische Intensivstation Wand an Wand liegen, um unnötige Transporte zu verhindern. Da die Blutgefäße von Frühchen sehr empfindlich sind, kann es durch Erschütterungen schnell zu gefährlichen Hirnblutungen kommen. Frauen, die mit einer Frühgeburt rechnen müssen, sollten deshalb nur ?in einem hochspezialisierten Perinatalzentrum entbinden?, rät der Oberarzt. Zwar gebe es spezielle Transportinkubatoren, doch werde die Gesundheit des Kindes durch jeden Transport gefährdet.

Vor allem aber hängen Lebens- und Entwicklungschancen der Frühchen von einer optimal abgestimmten Therapie ab. Dabei stellen mangelnde Lungenreife, Beatmung und Ernährung die Ärzte oft vor große Herausforderungen.

Dazu kommen unter Umständen lebenswichtige, aber belastende Operationen in den ersten Wochen und Monaten sowie das Risiko von Infektionen und Gehirnblutungen. Dabei hängen Komplikationen nicht unbedingt mit dem Geburtsdatum oder -gewicht zusammen, sondern sind einfach nicht vorhersehbar.

Dass sich die Konzentration von Risikogeburten in hochspezialisierten Perinatalzentren lohnt, zeigen wissenschaftliche Studien. In Krankenhäusern, die im Jahr weniger als 36 Frühchen behandeln, liegt die Sterblichkeitsrate um 50 bis 80 Prozent höher als in Einrichtungen mit 50 und mehr.

Deshalb werden bereits Forderungen nach Mindestfallzahlen laut , die vom Wochenmagazin Der Spiegel in seiner 44. Ausgabe 2007 in dem Artikel ?Geboren am falschen Ort? reißerisch unterstützt wurden. Experten schlagen vor, dass Frühchen nur noch in Perinatalzentren behandelt werden dürfen, die mindestens 50 sehr unreife Frühgeborene im Jahr betreuen.

Prof. Jan-Holger Schiffmann, Chefarzt des Zentrums für Neugeborene, Kinder und Jugendliche, stimmt dieser Forderung bedingungslos zu. ?Nur in diesen Zentren verfügen Ärzte und Pflegekräfte über die nötige Erfahrung, um eine optimale Behandlung von Frühchen zu gewährleisten.? Und eine optimale Behandlung bestimme nun einmal über Lebens- und Entwicklungschancen von Frühchen.

Beide Neonatologen sehen die flächendeckende Betreuung von Frühchen dadurch nicht bedroht. ?Es gibt genügend solcher Zentren in Deutschland?, meint Reinhart-van Gülpen. So weit wie in Skandinavien oder den USA müsse man in Deutschland daher nicht fahren.

Trotzdem sind die Anreisewege auch heute schon weit genug. Die Eltern fahren oft über 100 oder 200 Kilometer ins Klinikum Süd. Um den Spagat zwischen Krankenhaus, Familie und Beruf besser bewältigen zu können, wird es im Nachsorgehaus, das vom Verein Klabautermann e.V. gerade auf dem Gelände hinter der Kinderklinik gebaut wird, eine Übernachtungsmöglichkeit für Eltern geben. Sie können dann nahe bei ihren kranken Kind sein, ohne lange Wege auf sich nehmen zu müssen.           

Autorin/Autor: Doris Strahler

 
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